„Vegan‑Klischee ade!“ – Ernährungsexperte Niko Rittenau im Interview

© Kristoffer Schwetje

Von den veganen Messen ist er kaum mehr wegzudenken und sogar einen TEDx Talk durfte Niko Rittenau schon halten. Der in Berlin lebende Kärntner ist studierter Ernährungsexperte mit einem noch eher ungewöhnlichen Fokus: Die pflanzliche Ernährung. Mit unglaublich viel Know-How schafft er es, sich im Dschungel der wissenschaftlichen Ernährungsstudien zurecht zu finden. Sein umfangreiches Fachwissen teilt er in seinem Buch „Vegan‑Klischee ade!“, zu welchem im Februar auch ein passendes Kochbuch erschien.
Dank der T-Shirt Kooperation mit bleed hatte ich die Möglichkeit, Niko Rittenau (unter Social Distance Kriterien) in Berlin zu treffen und ihm ein paar Fragen zu stellen. Mit dabei war auch der klimaneutrale Fotograf Kristoffer Schwetje, der die Gelegenheit nutzte, einige Fotos des bleed x Niko Rittenau Shirts zu machen.

Seit wann lebst du vegan und was hat dich dazu bewegt?

Niko: Ich lebe seit Februar 2013 vegan. Die ursprünglichen Gründe dafür waren ethischer Natur. Als ich erfahren habe, wie ein Großteil der Milch und Eier produziert wird, wollte ich das nicht länger unterstützen. Fleisch habe ich schon einige Zeit davor aus meinem Speiseplan gestrichen. Ich hatte damals allerdings noch große Bedenken, ob ich mich denn tatsächlich rundum ausgewogen und gesund vegan ernähren kann. Mir fehlte es damals schlichtweg an Informationen. Und weil ich es nicht nur jemandem glauben, sondern es wirklich verstehen wollte, habe ich mit meinem Bachelorstudium der Ernährungsberatung begonnen.

Deine Leidenschaft für vegane Ernährung hast du zum Beruf gemacht. Wie kam es zu diesem Werdegang?

Niko: Als ich mit meinem Studium begonnen hatte, war ich noch bei ProVeg e.V. (früher Vegetarierbund e.V.) angestellt und es war in erster Linie zu meiner persönlichen Weiterbildung gedacht. Je mehr ich mich mit der Thematik auseinandergesetzt habe, desto mehr habe ich gesehen, wie viel wichtiges Wissen es über vegane Ernährung gibt. Ich wollte dieses Wissen schlichtweg mit anderen vegan lebenden Menschen teilen, damit auch sie kluge gesundheitliche Entscheidungen treffen können. Während des Studiums habe ich dann in erster Linie Vorträge gehalten und einige Ernährungsartikel in Blogs und Zeitschriften zu Informationszwecken veröffentlicht. Als ich mit meinem Bachelorstudium fertig war, habe ich mich dann vom Wissensstand her auch in der Lage gefühlt, das wichtigste Grundwissen in Buchform zu veröffentlichen.

Dein aktuelles Buch heißt „Vegan‑Klischee ade!“. Welches Klischee begegnet dir am häufigsten und was stellst du dem entgegen?

Niko: Im Grunde sind es immer dieselben: Woher bekommt man ohne Milch genügend Kalzium, ohne Fisch genügend Jod und Omega 3, ohne rotes Fleisch genug Eisen und wie kann man gänzlich ohne tierische Lebensmittel genügend Protein und Vitamin B12 bekommen. Außerdem ist die Sojakontroverse immer noch in den Köpfen vieler Menschen fälschlicherweise verankert. Über all diese und viele weitere Themen schreibe ich ausführlich in meinem Buch und behandle sie auch in meinen wöchentlich erscheinenden Ernährungsvideos auf YouTube.

Wie setzt sich die optimale vegane Ernährung zusammen?  

Niko: Letztendlich gilt es aus den fünf Hauptlebensmittelgruppen Vollkorngetreide, Hülsenfrüchte, Gemüse, Obst sowie Nüssen/Samen eine Lebensmittelzusammenstellung zu finden, die den Kalorienbedarf deckt und abwechslungsreich ist. Zusätzlich sollte man die potenziell kritischen Nährstoffe in der veganen Ernährung kennen und diese entweder über gewisse Lebensmittel mit hohen Konzentrationen dieser Nährstoffe oder über Nahrungsergänzungsmittel abdecken. Zu dem Thema habe ich auch eine dreiteilige Videoreihe mit dem Titel „Diese Nährstoffe sind bei veganer Ernährung wirklich kritisch“ auf YouTube.   

Eine vegane Lebensweise beschränkt sich nicht nur auf die Ernährung. Worauf achtest du bei der Wahl deiner Kleidung?

© Kristoffer Schwetje

Niko: Ich achte in jedem Lebensbereich – angefangen von Kosmetikprodukten über Putzmittel und Kleidung darauf, dass die Produkte vegan sind. Bei Kleidung geht es mir darüber hinaus auch darum, dass nicht nur keine Tiere, sondern auch keine Menschen ausgebeutet werden und die Kleidung möglichst umweltfreundlich produziert wird. Es gibt ja jede Menge Discounter-Kleidung, die zufällig vegan wäre, aber eben unter schlechten Bedingungen für die Menschen hergestellt wurde. Daher ist für mich Veganismus ein wichtiger Punkt bei meinen Kaufentscheidungen, aber auch ökologische Aspekte und humane Produktionsmethoden sind mir wichtig.

Seit kurzem gibt es dein T-Shirt im bleed Shop zu kaufen.Wie kam es zu der Kooperation mit bleed?

Niko: Ich hatte schon länger die Idee zu einem derartigen Shirt und wusste auch schon wie genau es aussehen und welche Botschaft es vermitteln soll. Als ich dann darüber nachgedacht habe, welches vegane Modelabel als Partner in Frage kommen könnte, empfand ich Bleed als die beste Wahl. Es lief alles super freundschaftlich und ich finde das Endprodukt sehr gelungen. Vielen Dank an dieser Stelle an das gesamte Team von bleed!

Wie ist das Design des T-Shirts entstanden? Was steckt dahinter?

Niko: Auf der Vorderseite sieht man die internationale „Vegan Flag“. Diese wurden von einer Gruppe Designer entworfen, um der veganen Bewegung eine passende Flagge als Symbol zu verleihen. Ich fand diese Idee klasse und wollte die Verbreitung der Vegan Flag durch mein T-Shirt fördern. Auf der Rückseite ist noch ein „No racism, no sexism, no speciesism – veganism“-Print. Damit wollte ich meine Position verdeutlichen, dass es mir nicht nur um das Thema des tierbezogenen Speziesismus geht, sondern ich jede Form der Unterdrückung, Ausgrenzung, Abwertung und Ausbeutung ablehne. Ich finde all diese Themen sollten auch im veganen Kontext öfter aufgegriffen werden.

Was ist dein Wunsch für die Zukunft? 

Niko: Ich hoffe, dass ich noch miterleben kann, dass zumindest die industrielle Massentierhaltung abgeschafft wird, da diese der größte Schadensverursacher sowohl für die Tiere, aber auch für die Umwelt und die Gesundheit der Weltbevölkerung ist. Antibiotikaresistenzen, Zoonosen und weitere Gefahren werden durch die Massentierhaltung gefördert, die Auswirkungen auf unsere Umwelt sind enorm und das Leid der Tiere darin ist entsetzlich. Langfristig wünsche ich mir natürlich, dass sich das gesamte Mensch-Tier-Verhältnis wandelt und Tierausbeutung komplett verschwindet. Ich denke, die vegane Bewegung hat hierfür schon viel Vorarbeit geleistet, um mehr Bewusstsein für das Tierleid zu schaffen und durch neue Technologien am Lebensmittelmarkt wird man in den kommenden Jahrzehnten auch Möglichkeiten entwickeln tierische Produkte unabhängig vom Tier aus Stammzellen zu produzieren, damit auch jene Hardcore-Fleischesser eine ethischere Alternative haben werden. Alles in allem blicke ich sehr optimistisch in die Zukunft.

© Kristoffer Schwetje

Vielen Dank für das Interview lieber Niko!

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